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Rund 10.000 Kilometer von ihrer fränkischen Heimat entfernt hat Sabine „Bine“ Vogel ein Hilfsprojekt ins Leben gerufen, das sich für Frauen und Kinder in den peruanischen Anden einsetzt: casayohana. Als christliche Nichtregierungsorganisation (NGO) unterstützt casayohana Menschen in schwierigen Lebenssituationen und setzt sich insbesondere für diejenigen ein, die von Armut, Gewalt und sozialer Benachteiligung betroffen sind. Christliche Nächstenliebe soll dabei nicht nur den Grundsatz bilden, sondern durch konkrete Hilfe im Alltag gelebt werden.
Die offizielle Geschichte von casayohana beginnt bereits im Jahr 2014. Damals wird die Organisation gegründet. Doch die eigentlichen Anfänge des Projekts reichen deutlich weiter zurück. Hinter der Gründung steht eine persönliche Geschichte, geprägt von Begegnungen, Erfahrungen und dem Wunsch, etwas zu verändern. Wie entstand aus diesem Wunsch schließlich ein Hilfsprojekt im Hochland Perus? Welche Rolle spielte der christliche Glaube auf diesem Weg? Und wie hat sich die Arbeit von casayohana seit der Gründung verändert? Im Gespräch erzählt Gründerin Bine Vogel von ihren ersten Schritten, den Beweggründen hinter ihrem Engagement und den Herausforderungen, die sie bis heute begleiten.
casayohana ist heute eng mit Ihrem Namen und Ihrem persönlichen Engagement verbunden. Was hat Sie persönlich geprägt?
Bine Vogel: Was mich natürlich geprägt hat, wie alle Menschen, ist mein Elternhaus. Das war sowohl im christlichen Glauben verwurzelt als auch sozial engagiert. Für meine Eltern war es immer normal, anderen Menschen zu helfen. Ich habe eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester gemacht und zusätzlich eine seelsorgerliche und therapeutische Ausbildung absolviert. Ich hatte eine coole Ausbildungszeit und eigentlich immer das Gefühl, dass es mir total gut geht. Gleichzeitig hatte ich den Wunsch, etwas von dem, was ich habe, weiterzugeben. Im EC-Bayern habe ich deshalb als Missbrauchsbeauftragte gearbeitet. Ich wollte mich für Menschen einsetzen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.
Wie kam es dazu, dass Sie nach Peru gegangen sind, und wie entwickelte sich daraus Ihr Engagement vor Ort?

Bine Vogel: Ich war so dankbar dem Leben, aber auch Gott gegenüber. Und weil ich schon immer ein bisschen Lust auf Abenteuer hatte, habe ich mir überlegt: Wie kann das ausschauen? Es wäre doch toll, einfach mal wohin zu gehen, wo es den Menschen nicht so gut geht wie mir. Daher habe ich mir verschiedene Arbeiten in Taiwan und Südafrika angeschaut. Dann habe ich von dem Missionskrankenhaus Diospi Suyana in Curahuasi in Peru erfahren. Ich wollte also nicht in ein spezielles Land gehen, sondern einfach dorthin, wo das gebraucht wird, was ich kann. Ich habe mich dort beworben und Notaufnahme, Anästhesie und Intensivstation geleitet. Ursprünglich bin ich mit dem Gedanken dorthin: Ich bleibe zwei bis drei Jahre und danach gehe ich wieder heim. Freunde haben meine Wohnung zwischenbewohnt, die Uniklinik in Erlangen hat meine Stelle freigehalten. Ich hätte einfach wiederkommen können, das wäre gar kein Problem gewesen.
Wir hatten in Diospi Suyana regelmäßig Frauen auf dem OP-Tisch, die zu Hause stark misshandelt wurden. Es gab auch eine öffentliche Statistik des peruanischen Frauenministeriums. Da kam raus, dass bei uns in der Region 78 Prozent der Frauen und Mädchen von häuslicher Gewalt betroffen sind. Die Dunkelziffer ist noch mal fünf bis zehn Prozent höher. Bei Männern wurde das damals gar nicht erhoben, nach dem Motto: Jungs leiden in dieser peruanischen Machogesellschaft nicht unter häuslicher Gewalt.
Als meine Zeit im Diospi um war, habe ich gedacht: Mit dem Wissen um diese Not von diesen Frauen kannst du nicht einfach nach Hause gehen und genauso weitermachen wie vorher. So bin ich dann nach Andahuaylas gekommen. Dort traf ich die Chefin einer peruanischen Hilfsorganisation namens Paz y Esperanza, auf Deutsch „Frieden und Hoffnung“. Sie setzt sich für Menschenrechte und die Bildung von Frauen ein. Die haben mich ein Jahr lang auf ihren Missionen mitgenommen. Ich konnte die Quechua-Kultur kennenlernen, die Bedürfnisse, Probleme und Herausforderungen – sowohl die politisch-sozialen als auch die ökonomischen. Ich habe geputzt, gepackt, geschleppt, eingepackt, ausgepackt, zugeschaut und viel gefragt.
Auf der Homepage von casayohana wird die Begegnung mit einem Pastor und seiner schwerstbehinderten Tochter Yohana als Ausgangspunkt der späteren Arbeit beschrieben. 2014 wurde schließlich der Verein „Luz y Vida“ gegründet, der später zu casayohana umbenannt wurde. Wie kam es zu dieser Begegnung und wie entwickelte sich daraus das Projekt?
Bine Vogel: Mit Paz y Esperanza bin ich in die Dörfer im Hochland gefahren. Wir reden hier von Dörfern auf dreieinhalb bis viereinhalbtausend Metern Höhe. Dort haben wir die Frauen zusammengebracht und über Menschen- und Frauenrechte gesprochen. In einem Dorf hat uns der Pastor noch auf einen Tee eingeladen. Seine Hütte war vielleicht zweieinhalb auf zweieinhalb Meter groß und stockdunkel. Auf einmal hörte ich ein Röcheln, als ob jemand keine Luft bekommen würde. Ich habe dem Pastor erzählt, dass ich Kinderkrankenschwester bin, und ihn gefragt, ob ich helfen könne. Ich habe gemerkt, dass es in ihm kämpft, weil es in der Quechua-Kultur ein schlechtes Licht auf den Mann wirft, wenn ein Kind mit Behinderung geboren wird.

In der Ecke war ein kleines Lager aus Textilresten, auf denen ein zwölfjähriges Mädchen lag. Sie war etwa fünfeinhalb bis sechs Kilogramm schwer. Ihr kompletter Körper war versteift, sie konnte sich nicht bewegen. Sie lag in ihrem Schlabber und Urin, es stank bestialisch. Dann hat der Pastor angefangen zu erzählen, dass sie sich wirklich gefreut haben, als ihre Tochter Yohana geboren wurde. Doch als es ans Abstillen ging, haben sie gemerkt, dass sie weder den Kopf hob noch sich groß bewegte. Bei allem, was sie ihr zu essen geben wollten, hat sie sich sofort verschluckt. Sie dachten jedes Mal, sie ersticke. Milch konnten sie sich nicht leisten. In dieser Höhe lebt man von dem, was auf dem Feld wächst. Also haben sie Yohana mit der Brühe einer wenig nahrhaften Suppe ernährt. Morgens um sechs bekam sie etwas zu essen, dann gingen die Eltern aufs Feld und kamen erst abends zurück. Die restliche Zeit lag Yohana alleine in der dunklen Hütte, ohne Ansprache, jahrelang. Ich wollte ihnen helfen. Doch in der Regenzeit fährt man diese Straßen nicht hoch, das kann richtig gefährlich werden. Also sind wir sechs Wochen später, Ende Januar, das nächste Mal hochgefahren, als es halbwegs trocken war. Ich hatte Milchpulver, Obst, Windeln und eine kleine Matratze gekauft. Wir sind früh um vier Uhr in Andahuaylas losgefahren und waren um acht Uhr oben im Dorf. Ungefähr eine halbe Stunde vorher ist Yohana an Multiorganversagen gestorben.
Ich war so sauer auf Gott und auf mich selbst. Und dann sagte der Pastor zu mir: „Schau mal, so groß ist Gottes Liebe zu mir. Jetzt ist Yohana bei Gott und singt, springt und tanzt.“ Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich habe mir gedacht, du, die dieses Kind einmal gesehen hast, sitzt hier und spielst die beleidigte Leberwurst. Und der, der zwölf Jahre lang mit dem Kind gelitten hat und nicht helfen konnte, sieht darin Gottes Liebe. Ich wusste, dass es aus irgendeinem Grund wichtig war, dass ich Yohana sehe. Und mir wurde klar, dass ich mich nicht nur um Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, sondern auch um diese Kinder kümmern muss. Ich habe aber relativ früh gemerkt, dass ich es nicht alleine kann. Dann haben wir den Verein gegründet und die ersten peruanischen Angestellten eingestellt. Wir haben die Arbeit nach Yohana benannt, weil wir einen Ort schaffen wollten, wo Familien sich so angenommen wissen, dass sie auch singen, springen und tanzen können.
Welche Unterstützung erhalten Familien konkret durch casayohana?

Bine Vogel: Unsere Familien haben größtenteils wirklich gar kein Geld. Das heißt, wir übernehmen die Kosten dafür, dass sie überhaupt zu uns kommen können – für den Bus oder das Taxi. Wir zahlen die Unterkunft, die komplette Behandlung, Medikamente, Windeln, Lebensmittel und Kleidung. Uns war klar, dass wir auch im schulischen Bereich unterstützen müssen. Wir möchten Kindern ermöglichen, eine gute Schulbildung zu bekommen, damit sie später einen Ausbildungsberuf erlernen können und nicht darauf angewiesen sind, körperlich schwere Arbeit auf dem Feld zu leisten. Deshalb haben wir ein psychoedukatives Projekt ins Leben gerufen, in dem Geschwisterkinder und ihre Familien auch psychotherapeutisch begleitet werden. Darüber hinaus bieten wir Physiotherapie, Sprachtherapie und Ergotherapie an. Inzwischen sind wir 40 Mitarbeiter, sechs davon sind Deutsche. Der Rest des Teams ist peruanisch. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es ist unglaublich wichtig, die Quechua-Kultur wirklich zu verstehen. Ich bin dankbar dafür, dass wir uns mit unseren Hintergründen und Gaben ergänzen. Wir haben eine Kinderbetreuung, während die Eltern in Therapie sind. Viele Kinder essen mittlerweile auch bei uns, weil sie zu Hause nicht genug bekommen. Sie kommen nach der Schule zu uns, bekommen ein Mittagessen und anschließend Nachhilfe oder Therapie.Oft sind die Fortschritte sehr klein. Aber wenn jemand nach zwei oder drei Jahren wiederkommt und sagt: „Sie kann laufen, er kann essen“, dann sieht man erst, was sich tatsächlich verändert hat. Man merkt, wie liebevoll ein Vater inzwischen mit seinem Kind umgeht oder wie eine Mutter mehr Selbstbewusstsein entwickelt hat.
Wie werden die Menschen auf Sie aufmerksam und wie viele Familien können Sie derzeit betreuen?
Bine Vogel: Die meisten Familien kommen tatsächlich auf uns zu. Wir haben momentan eine Warteliste von über 300 Kindern, die wir gar nicht aufnehmen können, weil wir den Platz nicht haben. Es zerreißt mir jedes Mal das Herz, wenn ich ein Kind untersuche und es ablehnen muss, weil ich weiß, dass wir die Therapeuten und das Geld nicht haben. Zwischenzeitlich sind wir als casayohana schon bekannt und viele Familien empfehlen uns weiter. Im Projekt für Kinder mit Behinderungen betreuen wir ungefähr 200 Familien. Im Schulbildungsprogramm wechselt es ein wenig, aktuell haben wir dort etwa 120 Kinder. Außerdem bieten wir Schulungen an zu Themen wie Mobbing, Ernährung und sexueller Aufklärung. Wir dürften theoretisch in alle Schulen in ganz Andahuaylas gehen. Das sind fast 800 Schulen. Aber dafür haben wir weder die Manpower noch die Spender. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Schulen, die ganz abgelegen sind, oder auf die, in denen wir bereits Kinder betreuen.
Ihr Ansatz geht über reine Soforthilfe hinaus. Warum ist Ihnen dieser langfristige Ansatz so wichtig?

Bine Vogel: Ein langfristiger Ansatz ist deshalb wichtig, weil die Erfahrung zeigt: Bis eine Familie uns nicht mehr braucht, dauert es vielleicht acht bis zehn Jahre. Wir helfen den Familien natürlich in dem Moment und versorgen sie mit materiellen Dingen. Aber genauso wichtig ist es, die Menschen aufzuklären und ihnen Bildung zu vermitteln. Viele sind erst mit zwölf Jahren zum ersten Mal in die Schule gekommen, haben bis dahin zu Hause nur Quechua gelernt und hören in der Schule dann nur Spanisch. Finde den Fehler. Wie willst du da mitkommen? Es fehlt einfach ganz viel Basiswissen, und das in vielen verschiedenen Bereichen. Wie funktioniert eine Demokratie? Welche Rechte habe ich? Wir versuchen also, so breit wie möglich Wissen zu vermitteln und damit die langfristige Gesamtsituation der Familien zu verbessern. Wo sind Mineralstoffe drin, wo sind Vitamine drin? Wie erklärt man Bakterien und Viren oder warum Wasser abgekocht werden muss, wenn in der Vorstellungswelt nur das existiert, was man sehen kann? Da versuchst du eben, auf ganz einfache Art und Weise Dinge zu erklären, die die Grundlage für ein gesundes Leben sind.
Welche Bedeutung hat der Glaube bei Ihrer Arbeit und im Alltag von casayohana?
Bine Vogel: Für uns ist der Glaube die Kraft, sodass wir denken, die Menschen haben es verdient, dass man sie mit Würde behandelt. Wir haben im Team etwa 80 bis 90% Christen, wobei das bei uns kein Aufnahmekriterium ist. In der peruanischen Kultur ist es nicht so verankert, dass man sich um die Mitmenschen kümmert, die über die Familie hinausgehen. Man hat einen großen Familienzusammenhalt, aber soziale Arbeit ist nicht weit verbreitet, wie wir das aus Deutschland kennen, weil man dazu noch viel zu arg mit dem Überleben beschäftigt ist. Daher treffen wir uns als Team einmal in der Woche und beten für unsere Kinder, für unsere Familien, und für unsere politische Situation.
Einige Frauen haben schlechte Erfahrungen mit Gemeinden hier in der Gegend gemacht. Ihnen wurde gesagt, ihr Kind sei wegen einer Sünde behindert oder habe den Teufel in sich. Bei uns erleben sie dagegen, dass Glaube mit Liebe, Geduld und Respekt verbunden sein kann. Dadurch werden manche neugierig und finden im Glauben eine neue Stütze. So ist in casayohana mit der Zeit sogar eine eigene Gemeinde entstanden, obwohl das ursprünglich gar nicht geplant war, weil wir eigentlich genügend evangelische Gemeinden um uns herumhaben. Es ist völlig egal, ob jemand glaubt oder nicht. Wir helfen allen und es muss auch keiner Christ werden, überhaupt nicht. Aber wir haben erlebt, dass es immer wieder Frauen gibt, die lange Zeit eine Therapie machen. In dem Moment, in dem sie anfangen, zu glauben, dass es vielleicht wirklich einen Gott gibt, der sie liebt, verändert das noch einmal sehr viel.
Soziale Arbeit findet selten unter einfachen Bedingungen statt. Was sind momentan die größten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit?
Bine Vogel: Viele Familien leiden noch heute sehr unter den Auswirkungen des Leuchtenden Pfades. (Autoreneinschub: Terrororganisation, die 1980 einen bewaffneten Konflikt in Peru auslöste, bei dem rund 70.000 Menschen getötet wurden oder verschwanden. Besonders stark betroffen war die indigene Landbevölkerung in den Anden.) Männer sind erschossen worden, Frauen wurden vergewaltigt, Kinder sind zwangsrekrutiert worden. Oftmals verrohen Sitten, wenn du mit Gewalt aufwächst und Gewalt für dich normalisiert wird. Bei vielen wurde diese Zeit nie aufgearbeitet. Das ändert sich jetzt Stück für Stück, vor allem in den Städten. In den Dörfern geht diese Entwicklung aber deutlich langsamer voran und dort müssen wir mit viel mehr Aufklärung arbeiten. Viele dieser Frauen und Männer sind so traumatisiert von ihrer eigenen Geschichte, dass sie oft nur wenig Empathie zulassen können. Es kommen hochschwangere Frauen zu uns ins Konsultorium, sind grün und blau geschlagen, aber so im Überlebensmodus, dass sie ihre eigene Situation überhaupt nicht hinterfragen können.

Die zweite Herausforderung ist, wie Kinder mit Behinderungen in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Sie werden von den Familien verheimlicht und sie schämen sich dafür. Wenn während der Regenzeit die Schlammpiste zu unserem Haus nicht befahrbar ist, fahren weder Taxis noch Tuktuks den Weg entlang. Dann müssen die Frauen unten aussteigen und ihre teilweise achtzehnjährigen Kinder zu Fuß auf dem Rücken zu uns tragen. Vier Bürgermeister haben uns inzwischen versprochen, die Straße zu richten, während andere Straßen durchaus asphaltiert werden. Aber wir sind keine Hauptverkehrsstraße und unsere Kinder zählen als nicht wichtig genug. Jeder Bürgermeister schmückt sich gerne mit unserem Projekt, aber das heißt nicht, dass deshalb auch etwas dafür gemacht wird. Kinder haben hier keine Lobby.

Dann ist da natürlich auch die Strecke. Unsere am weitesten entfernt lebende Familie braucht anderthalb Tage, bis sie bei uns ist. Wir haben diese Familie einmal besucht. In der Regenzeit kann sie gar nicht zu uns kommen, weil die Flüsse zu stark sind. Der Vater bringt seine zwölfjährige, schwerstbehinderte Tochter und trägt sie über dem Kopf durch den Fluss. Auf der anderen Seite braucht er dann noch acht Stunden bis zu uns. Das können viele irgendwann nicht mehr auf sich nehmen – vor allem dann, wenn unsere Hilfe nicht so schnell anschlägt, wie sie es sich vorgestellt haben. Es ist eben nicht so, dass man drei Wochen lang Tabletten nimmt und das Kind dann gesund ist. Es ist ein Prozess von Monaten oder Jahren, bis ein Kind sitzen, krabbeln oder laufen kann.
Auch die Einstellung zum Thema Vertrauen ist eine ganz andere. Da gibt es etwa Mütter, denen man schon so viel geholfen hat: Man hat ihnen ein Haus gebaut, ein Dach gedeckt, Medikamente gegeben und ihnen unzählige Male in der Seelsorge zugehört. Und irgendwann kommt ein Nachbar der Familie und fragt: „Warum versorgst du eigentlich nicht das zweite behinderte Kind, das geboren ist?“ Und ich falle aus allen Wolken. Die Familien haben Angst, dass wir ihnen vielleicht gar nicht mehr helfen, wenn sie uns alles erzählen.
casayohana hat bereits viel aufgebaut. Wenn Sie in die Zukunft blicken: Was möchten Sie baulich noch erreichen?
Bine Vogel: Ich würde sehr gerne erreichen, dass wir das zweite Therapiehaus fertigstellen und auch das untere Gelände auf der anderen Straßenseite sichern können. Dort wollen wir ein Versammlungshaus bauen, in dem wir Schulungen und Feste veranstalten können, aber auch die Kirche sich treffen kann. Das fände ich noch ganz wichtig. Die politische Situation bei uns wird in den letzten Jahren immer kritischer. Deshalb hätten wir gerne alle Kinder und alle Angebote bei uns auf dem Gelände und nichts nach außen angemietet. Das kostet natürlich auch in Peru viel Geld. Wenn alles fertig ist, werden wir am Ende etwa 2,1 Millionen Euro verbaut haben. Wir sind Erdbebengebiet und müssen dementsprechend massiv bauen. Die ersten 200.000 Euro haben wir allein im Fundament verbaut. Da waren wir noch keinen Zentimeter über dem Boden. Ich stand vor der Baugrube und habe gedacht, ich könnte heulen. Aber wir machen das Stück für Stück. So wie das Geld kommt, bauen wir weiter.
Ein großes Projekt braucht auch langfristig Menschen, die Verantwortung übernehmen. Wie soll es mit casayohana in Zukunft weitergehen?

Bine Vogel: Wir werden weiterhin abhängig sein von Unterstützung aus Europa. Wir brauchen hier dringend eine zweite europäische Leitung. Ich bin mit 55 noch nicht uralt, aber ich merke schon, dass es gut ist, wenn man lange hineinwächst, bevor man so etwas übernimmt. Das ist momentan im europäischen Zeitgeist leider oft nicht drin, dass man sich so lange auf etwas festlegt. Aber hier brauchen wir einfach Beständigkeit. Das wäre etwas, was ich gerne noch schaffen würde: casayohana an die nächste Generation übergeben – sowohl hier in Peru als auch in Deutschland bei der Stiftung. Dort sind viele in der Leitung ebenfalls aus meiner Generation.
casayohana finanziert sich komplett über Spenden. Wir haben Partnerschulen, Weltläden, etliche freie Kirchengemeinden, evangelische und katholische Gemeinden sowie viele Einzelspender. Ich hätte aber auch gerne einmal eine große Firma, die auf uns aufmerksam wird und uns unterstützen will. So etwas haben wir bisher nicht. Wir haben aber einen sehr treuen Spenderstamm, und dafür bin ich sehr dankbar.
In einzelnen Dörfern und Schulen merken wir, dass unser Umgang mit Kindern mit Behinderungen und mit Frauen die Kultur prägt. Ich würde mir wünschen, dass dieser Einfluss weiter wächst und deutlich wird: Diese Menschen sind wertvoll. Ich wünsche mir, dass wir da noch mehr Strahlkraft bekommen und dadurch noch mehr beeinflussen können. Ich bete wirklich sehr für weitere Spender und für Menschen aus Europa, die einfach sagen: Das liegt mir am Herzen und ich habe eine Liebe für dieses Volk.
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